Künstlerin im Porträt: Taylor Barron

Taylor Barron alias @tbeardraws bewegt sich mühelos zwischen Illustration, Wandmalerei, Character Design und persönlichen Projekten. Auf den ersten Blick wirken ihre Arbeiten lebendig und verspielt, doch sie stecken voller Reflexionen über Identität, Verletzlichkeit und Macht.

Im Gespräch erzählt sie offen von ihren intuitiven Prozessen, sinnlicher Symbolik und davon, warum es ein leiser Akt des Widerstands sein kann, den Körper zu feiern.

11. Feb. 2026

Die Künstlerin sitzt in einem hellen Atelier zwischen farbenfrohen Gemälden mit abstrakten Figuren und leuchtenden Designs.
Surreales Kunstwerk eines Frauengesichts mit Himmelsausschnitten und fließenden Formen vor einem Farbverlauf in Pink und Grün.

Aus dem Bauch heraus

Für Taylor Barron ist die Frage, in welchem Medium eine Idee leben soll, selten eine kalkulierte Entscheidung.

„Mein Prozess ist wahrscheinlich eher intuitiv als alles andere“, erklärt sie. „Er wird oft von meiner aktuellen Gefühlslage bestimmt, ein Künstlerklischee, ich weiß.“

Statt Konzepte in ein festes Format zu pressen, lässt sie sich vom Gefühl leiten. „Ich wechsle gern das Medium, je nach Stimmung. Das hilft besonders, wenn ich das Gefühl habe, festzustecken. Manche Medien eignen sich zwar besser für bestimmte Ideen, aber ich versuche, mich nicht zu sehr einzuschränken.“

Dieser emotionale Instinkt zieht sich auch durch ihre Themen. Unter den leuchtenden Farben, verspielten Kompositionen und einer Prise Absurdität geht es um Identität, den Körper und emotionale Verletzlichkeit. Humor wird zur Brücke in sensiblere Bereiche. „Ich möchte bestimmte Themen zwar mit Feingefühl angehen, finde es aber auch wichtig, das Tabu um sie herum zu brechen“, sagt Taylor. „In einer Gesellschaft, die in Richtung Puritanismus steuert, ist es wichtig, diesen Themen Verspieltheit und Leichtigkeit zu geben.“

Sie fügt hinzu: „Ich bin auch einfach jemand, der Humor und Farbe regelmäßig nutzt, um mit dieser extrem stressigen und grausamen Welt, in der wir leben, klarzukommen.“

Surreales Kunstwerk: Eine Frau kniet unter einem Regenbogen, Kerzen auf dem Rücken, flankiert von Winkekatzen und umgeben von Rosen und Pfirsichen.
Surreale Illustration eines Gesichts mit blauen Haaren, umgeben von vier Figuren mit grünen Haaren, Kirschen und Sternen auf knallig pinkem und rotem Hintergrund.
Illustrierte Freiform-Sticker auf seidigem pinkem Stoff mit verschiedenen stilisierten Frauenfiguren in leuchtenden Farben und mit verzierten Rändern.
Verspielte Illustration einer Frau mit Spitzhut und Kleid, die an einem ruhigen See bei Sonnenuntergang mit einem Schwert Kerzen auf einer Torte anzündet.

Die Sichtbarkeit im Netz macht das Ganze noch komplexer. Taylor Barron teilt sowohl Kinderbuchprojekte als auch sinnliche, teils NSFW-Bilder, eine Bandbreite, die manche überrascht.„Darüber habe ich in letzter Zeit viel nachgedacht“, sagt sie. „Für mich ist es doppelt kompliziert, weil ein großer Teil meiner Projekte Kinderbücher sind.“

Da Online-Räume immer stärker eingeschränkt werden, wägt sie ständig ab, was sich zum Teilen richtig anfühlt. Trotzdem ist ihre Haltung klar. „Ich will gegen Zensur kämpfen, also versuche ich, mich an der Grenze zu bewegen und trotzdem zu teilen, was ich für die breite Öffentlichkeit noch für angemessen halte.“

Wer ihre Arbeiten zum ersten Mal sieht, soll zuerst Leichtigkeit spüren und dann ins Nachdenken kommen. „Ich hoffe, dass meine Arbeiten bei den Menschen ein Gefühl von Verspieltheit und Unbeschwertheit hinterlassen“, sagt sie, „aber auch die Neugier, ihre Beziehung zu sich selbst, zu ihrem Körper und zur Welt zu erkunden.“

Zeremonie, Sinnlichkeit und leiser Widerstand

Bei einer aktuellen NSFW-Kollaboration hat Taylor Barron ganz bewusst mit Erwartungen gebrochen. Sticker werden oft mit Humor verbunden, sie aber hat sich für eine ernstere, sinnlichere Richtung entschieden.

„Ich wollte genau den umgekehrten Weg gehen und etwas Ernsteres, Sinnlicheres schaffen“, erklärt sie.

Dabei rückten Gesichtsausdrücke in den Mittelpunkt. „Ich finde, Gesichtsausdrücke können über Gelingen oder Scheitern eines Werks entscheiden. Ich habe versucht, bei meinen Figuren eine Vielzahl subtiler Emotionen einzufangen.“ Um die Bilder zugänglicher und leicht zensiert zu halten, hat sie visuelle Metaphern eingebaut. „Ich arbeite gern mit visuellen Wortspielen, zum Beispiel ein Schwert, das abgeleckt wird, die schmelzenden Kerzen oder sogar die vulvaähnliche Form der Spitzenbordüre.“

Die Serie selbst hat etwas Zeremonielles: symmetrische Kompositionen, gerahmte Körper, Kerzen, Schwerter und Spiegel. Mittelalterliche Ästhetik und religiöse Untertöne spielen eine zentrale Rolle.

„In dieser Kollektion wollte ich das Mittelalter und Anklänge von Religion erkunden“, sagt Taylor. „Die extreme Gegenüberstellung von Puritanismus und Sexualität reizt mich. Ich liebe thematische und visuelle Kontraste.“

Stilisierte Frau, die sich mit einer Gabel in der Hand neben einer Torte auf einem Tisch räkelt. Farbenfrohe Deko mit gestreifter Tapete, Blumen und leuchtender Lampe.

Religiöse Hingabe mit ihren Ritualen und ihrer Symbolik erschien ihr als natürlicher Rahmen, um Intimität zu erkunden. „In der Religion gibt es so viel Zeremonie und Hingabe, dass es sich fast natürlich anfühlt, das in einen sexuellen Kontext zu bringen.“ In ihrer stärksten Form, so glaubt sie, gleicht Sexualität einer Anbetung. „Ich glaube, im besten Fall ist Sexualität eine Form von Anbetung und intensivem Verlangen, die zu Verbundenheit führt.“

Wenn intime Bilder in Alltagsformate wie Sticker wandern, verschiebt sich ihre Bedeutung auf subtile Weise. Taylor Barron sieht darin eine kulturelle und zugleich persönliche Chance.

„Hoffentlich führt das zu mehr Offenheit in der Gesellschaft insgesamt“, sagt sie, „aber es ist auch eine subtile Art, sich innerhalb bestimmter Communitys zu erkennen zu geben.“

Als Teil der LGBTQ+-Community liest sie Identität und Werte oft an visuellen Hinweisen ab. Ein Laptop oder eine Trinkflasche voller Sticker zu Antifaschismus oder sexueller Befreiung kann sofort ein Gefühl des Wiedererkennens auslösen. „Höchstwahrscheinlich würde ich mich mit diesen Menschen verbunden fühlen oder zumindest ein interessantes Gespräch mit ihnen führen.“

Eine Person mit blauen Haaren entspannt in einer rosa gefliesten Badewanne und hält einen Duschkopf. Neben der Wanne liegen ein Buch, ein gesprungenes Glas und ein überschwappendes Getränk.

Körper als Widerstand, Kunst als Rüstung für den Alltag

Für Taylor Barron ist es entscheidend, Kunst in verschiedenen Formen zugänglich zu machen, um Isolation und Anti-Intellektualismus entgegenzuwirken. In einem kulturellen Klima, das sie als zunehmend konservativ empfindet, wirkt körperbezogene Kunst besonders dringlich.

„Die Gesellschaft driftet allgemein in Richtung Puritanismus und Konservatismus“, sagt sie. „Deshalb finde ich es jetzt mehr denn je wichtig, uns selbst und unsere Körper auszudrücken.“

Feminismus bedeutet für sie auch, die Vorstellung infrage zu stellen, dass Körper, vor allem weibliche, per se sexuell sind, und gleichzeitig Sexualität als natürliches menschliches Phänomen zu verteidigen. In einer Welt, die Wert an Produktivität misst, kann schon Genuss radikal sein. „In einer kapitalistischen Welt, in der Produktivität das einzige Maß für unseren Wert ist, können schon kleine Momente, in denen wir unsere Körper genießen und feiern, als Widerstand gelten.“

Die Recherche zu mittelalterlichen Accessoires wurde zu einem ihrer liebsten Teile des Projekts. „Ich habe es geliebt, diese Elemente auf eine etwas moderne Art einzubauen“, sagt sie. Die Faszination reichte über das Atelier hinaus. Nach Abschluss der Serie verkleidete sie sich an Silvester als Ritter, samt Kettenhaube nach dem Vorbild einer ihrer eigenen Illustrationen.

Für Taylor Barron bleibt Kunst nicht auf eine Fläche beschränkt. Sie wandert in den Alltag, in Kleidung, in gemeinsame Symbole und Gespräche, wo sich Intimität und Ausdruck stetig weiterentwickeln.

Danke für das Gespräch, Taylor! Wenn du Taylor folgen willst, schau auf ihrem Instagram vorbei: @tbeardraws.


Person smiling in front of a bookshelf with neatly arranged books. Black and white image with a wooden background.
Autor
Annie
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